Chancen verbessern

Chancen verbessern

Die Chancen natürlich verbessern
Rund um den Kinderwunsch kursieren viele Mythen. Einer der hartnäckigsten: Nach dem Geschlechtsverkehr solle die Frau dreissig Minuten mit hochgelagertem Becken liegen bleiben. Solche Ratschläge sind nicht belegt und belasten das Liebesleben unnötig. Wir haben für Sie zusammengefasst, was die Evidenz wirklich sagt – und was Sie getrost vergessen dürfen.
Die fruchtbarste Zeit liegt in den fünf Tagen vor dem Eisprung. Das Maximum ist etwa zwei Tage vor dem Eisprung erreicht – der Tag des Eisprungs selbst ist bereits wenig aussichtsreich.
Daraus folgt etwas Wichtiges: Urin-Teststreifen, die den Eisprung über das LH-Hormon anzeigen, kommen für das Timing häufig sehr spät. Sie schlagen erst einen Tag vor dem Eisprung an – wenn die beste Zeit schon weitgehend vorüber ist. Wir raten daher eher davon ab, das Liebesleben nach diesen Teststreifen zu takten.
Hinzu kommt: Selbst bei einem regelmässigen 28-Tage-Zyklus kann der Eisprung einmal am Tag 12 und das nächste Mal am Tag 16 stattfinden. Es gibt keine zuverlässige Methode, die fruchtbarste Zeit im Voraus zu bestimmen – ausser der Messung des Eibläschens per Ultraschall.
Gerade berufstätige Paare fahren am besten mit einer einfachen Empfehlung: etwa zweimal bis dreimal pro Woche Intimität, unabhängig von der Zyklusphase. So trifft man das fruchtbare Fenster zuverlässig – und vermeidet die Falle, Sex nur dann zu haben, wenn er sich «lohnt».
So unbequem es ist: Das Alter der Frau bleibt der bedeutsamste Einflussfaktor in der Fortpflanzungsmedizin. Mit zunehmendem Alter nimmt die Zahl der verfügbaren Eizellen ab, und die verbleibenden neigen häufiger zu Fehlern bei der Befruchtung. Die Eizellqualität sinkt dabei nicht linear, sondern verringert sich gegen Ende der dreissiger Jahre zunehmend rascher (Sujino et al. 2025). Auch moderne Methoden wie IVF und ICSI können das nicht immer ausgleichen.
Die praktische Konsequenz ist: Mit dem Kinderwunsch sollte man nicht ohne Grund zuwarten. Wenn Ihre Lebenssituation es zulässt, ist früher besser als später. Mehr dazu in unserem Artikel «Alter und Fruchtbarkeit».
Rauchen ist der am besten belegte beeinflussbare Faktor, und er betrifft beide Partner. Bei Frauen verlängert es die Zeit bis zur Schwangerschaft und erhöht das Risiko, überhaupt ungewollt kinderlos zu bleiben (He & Wan 2023). Beim Mann verschlechtert es die Samenqualität messbar (Fan et al. 2024), wobei sich diese Werte nach einem Rauchstopp wieder erholen. Und Rauchen erhöht das Risiko für eine Fehlgeburt (Yuan et al. 2021). Auch Passivrauchen ist nicht unbedenklich.
Der unerfüllte Kinderwunsch ist im Übrigen ein guter Anlass, gemeinsam mit dem Rauchen aufzuhören – ein Gewinn, der weit über die Fruchtbarkeit hinausreicht.
Das Körpergewicht spielt eine Rolle, als ein Faktor unter mehreren und ohne dass Sie sich unter Druck setzen sollten. Sowohl deutliches Über- als auch Untergewicht können die Zeit bis zur Schwangerschaft verlängern, und zwar bei Frauen wie bei Männern (Boxem et al. 2024). Eine massvolle Annäherung an ein gesundes Gewicht kann günstig sein. Wichtig: Es geht nicht um rigorose Diäten oder sportliche Mammutprogramme – die sind eher kontraproduktiv. Wenn das Thema für Sie relevant ist, begleiten und beraten wir Sie gern.
Alkohol in grösseren Mengen wirkt sich nachteilig aus: Ab etwa acht Gläsern pro Woche sinken die Chancen einer Behandlung messbar, bei beiden Partnern (Rao et al. 2022). Bei moderatem Konsum ist die Datenlage weniger eindeutig. Sie müssen also nicht bei jeder Einladung erklären, warum Sie das Glas Wein stehen lassen – ein gelegentliches Glas ist kein Grund zur Sorge. Im Vorfeld und während einer Behandlung empfehlen wir aber, bewusst zurückhaltender zu sein.
Koffein müssen Sie für die Empfängnis nach heutigem Wissen nicht streng meiden: Übliche Mengen an Kaffee oder Tee beeinträchtigen die Fruchtbarkeit nicht nachweisbar (Purdue-Smithe et al. 2022). Sobald jedoch eine Schwangerschaft besteht, ist Masshalten sinnvoll, da höhere Mengen mit einem erhöhten Risiko für eine Fehlgeburt verbunden sind (Jafari et al. 2022). Die übliche Empfehlung liegt dann bei höchstens etwa 200 mg pro Tag, das entspricht rund zwei Tassen Kaffee (ACOG 2010).
Folsäure ist die eine Ergänzung, zu der wir allen Frauen mit Kinderwunsch klar raten: Sie senkt das Risiko für bestimmte Fehlbildungen beim Kind deutlich – und zwar dann, wenn sie bereits vor der Schwangerschaft eingenommen wird, weil sich das Neuralrohr in den ersten Wochen schliesst. Beginnen Sie damit also nicht erst, wenn der Test positiv ist, sondern sobald Sie aktiv versuchen, schwanger zu werden.
Bewegung in moderatem Mass ist günstig. Nur Extrem- und Profisport kann sich nachteilig auswirken.
Eine der frustrierendsten Situationen: Die ersten Abklärungen ergeben keine fassbare Ursache – weder beim Mann noch bei der Frau. Und doch will sich keine Schwangerschaft einstellen. Das ist nicht selten: Bei etwa einem von zehn Paaren lässt sich trotz sorgfältiger Abklärung keine klare Ursache finden (Carson & Kallen 2021).
Hier ist eine wichtige Einordnung: Bei regelmässigem Verkehr werden etwa 85% der Paare im ersten Jahr schwanger, und bis zum Ende des zweiten Jahres rund 92% (NICE 2013). Ein solches Paar ist also keineswegs «unfruchtbar». Fachleute sprechen heute bewusst nicht von «Unfruchtbarkeit», sondern von verminderter Fruchtbarkeit – die Chance pro Monat ist herabgesetzt, teils aus unbekannten Gründen, aber sie ist da.
Nach hormoneller Verhütung mit Pille oder Hormonspirale kann es bis zu drei Monate dauern, bis sich der Menstruationszyklus stabilisiert – unabhängig davon, wie lange zuvor verhütet wurde. Wer den Kinderwunsch absehbar plant, setzt die Pille deshalb rechtzeitig ab; für die Zwischenzeit eignen sich Barrieremethoden.
Eine Frage stellen sich fast alle Paare: Ab wann ist es zu lang? Als Faustregel gilt: Wenn sich nach einem Jahr mit regelmässigem, ungeschütztem Verkehr keine Schwangerschaft einstellt, lohnt sich eine Abklärung. Ist die Frau etwa 35 Jahre oder älter, raten wir schon nach sechs Monaten dazu – nicht aus Alarmstimmung, sondern weil die Zeit dann eine grössere Rolle spielt.

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Medizinischer Inhalt geprüft durch Dr. med. Michael Singer –