Häufig und selten angesprochen

Ungewollter Urinverlust und ein Druck- oder Fremdkörpergefühl im Unterleib gehören zu den häufigsten Beschwerden von Frauen – und zu den am seltensten angesprochenen. Viele leiden jahrelang still, weil ihnen das Thema unangenehm ist oder weil sie es für ein unabänderliches Schicksal halten. Beides muss nicht sein: Solche Beschwerden sind häufig, sie sind kein Grund zur Scham, und sie lassen sich in fast allen Fällen gut bessern. Sprechen Sie uns an – wir gehen das Thema offen und in Ruhe mit Ihnen an.

Der Beckenboden – die gemeinsame Wurzel

Hinter den meisten dieser Beschwerden steht der Beckenboden: eine Schicht aus Muskeln und Bindegewebe, die wie eine Hängematte Blase, Gebärmutter und Enddarm trägt und die Schliessmuskeln unterstützt. Wird dieses Gewebe schwächer – durch Geburten, die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren, Übergewicht, chronisches Pressen oder einfach mit den Jahren –, kann das zu einer Blasenschwäche, zu einer Senkung oder zu beidem führen.

Urininkontinenz – die Formen

Belastungsinkontinenz. Hier verlieren Sie Urin bei körperlicher Belastung – beim Husten, Lachen, Niesen, Heben oder beim Sport. Der Verschluss der Harnröhre hält dem plötzlichen Druck nicht mehr stand; oft steckt eine Bindegewebsschwäche dahinter.

Dranginkontinenz (Reizblase). Hier meldet sich ein plötzlicher, kaum zu unterdrückender Harndrang, manchmal verbunden mit Urinverlust, bevor Sie die Toilette erreichen. Die Blasenmuskulatur ist überaktiv und zieht sich zusammen, obwohl die Blase noch gar nicht voll ist.

Mischform. Viele Frauen haben beides zugleich – dann behandeln wir beide Anteile.

Senkung (Deszensus)

Lässt die Stützkraft des Beckenbodens nach, können die Beckenorgane absinken. Je nachdem, was sich senkt, spricht man von einer Senkung der Blase (Zystozele), der Gebärmutter oder des Enddarms (Rektozele). Typisch sind ein Druck- oder Fremdkörpergefühl nach unten, ein Ziehen im Unterleib, das gegen Abend zunimmt, und manchmal Schwierigkeiten beim Wasserlösen oder beim Stuhlgang. Eine Senkung ist nicht gefährlich, kann aber den Alltag belasten – und auch sie ist gut behandelbar.

Wie wir abklären

Am Anfang stehen ein offenes Gespräch und eine gynäkologische Untersuchung, bei der wir den Beckenboden und eine mögliche Senkung beurteilen. Oft bitten wir Sie, ein paar Tage lang ein einfaches Blasentagebuch zu führen (Trink- und Urinmengen mit Uhrzeit) – das zeigt viel. Bei Bedarf prüfen wir per Ultraschall, ob sich die Blase richtig entleert; vor einer allfälligen Operation klären wir die Blasenfunktion genauer ab (urodynamische Untersuchung), wofür wir Sie an einen spezialisierten Partner überweisen.

Was hilft – Schritt für Schritt

Wir beginnen fast immer mit den schonenden Massnahmen – sie helfen erstaunlich oft.

Beckenboden-Physiotherapie. Das gezielte Training des Beckenbodens unter Anleitung einer spezialisierten Physiotherapeutin ist die wichtigste erste Massnahme – sowohl bei der Belastungsinkontinenz als auch bei einer leichteren Senkung. Es wirkt aber nur, wenn man dranbleibt: regelmässig und über mehrere Monate (NICE 2019).

Lebensstil und Blasentraining. Ein gesundes Gewicht entlastet den Beckenboden, und wer Verstopfung und starkes Pressen vermeidet, schont ihn zusätzlich. Bei der Reizblase hilft ein Blasentraining: Sie dehnen die Abstände zwischen den Toilettengängen schrittweise aus. Trinken Sie dabei ausreichend, aber nicht übermässig, und schränken Sie blasenreizende Getränke wie Kaffee und Alkohol eher ein.

Pessar. Ein Pessar ist ein weiches Hilfsmittel (als Ring oder Würfel), das in die Scheide eingelegt wird und die Organe von innen stützt. Es hilft bei einer Senkung und bei der Belastungsinkontinenz – ganz ohne Operation und jederzeit wieder entfernbar.

Lokale Östrogentherapie. In und nach den Wechseljahren wird das Gewebe durch den Östrogenmangel dünner. Eine lokale Östrogenbehandlung (Creme oder Zäpfchen) kräftigt es, lindert Beschwerden und beugt wiederkehrenden Blasenentzündungen vor (mehr dazu → «Wechseljahre»).

Medikamente bei der Reizblase. Reicht das Blasentraining nicht, gibt es wirksame Medikamente, die die überaktive Blasenmuskulatur beruhigen. Nutzen und mögliche Nebenwirkungen besprechen wir mit Ihnen. Helfen auch diese nicht genug, gibt es weitere Möglichkeiten – etwa eine Botox-Injektion in die Blasenwand, die die Blase gezielt beruhigt; dafür weisen wir Sie an ein spezialisiertes Zentrum zu.

Operation. Bleiben die Beschwerden trotz dieser Massnahmen bestehen, gibt es bewährte Operationen – etwa ein kleines stützendes Band unter der Harnröhre bei der Belastungsinkontinenz oder eine Korrektur der Senkung. Solche Eingriffe führen wir nicht selbst durch: Wir besprechen die Möglichkeiten mit Ihnen, weisen Sie an ein spezialisiertes Urogynäkologie-Zentrum zu und begleiten Sie weiter.

Wiederkehrende Blasenentzündungen

Manche Frauen leiden immer wieder an Blasenentzündungen – besonders nach den Wechseljahren, wenn das Gewebe dünner und empfindlicher wird. Hier hilft oft schon eine lokale Östrogentherapie, die die Schleimhaut kräftigt und widerstandsfähiger macht (mehr dazu → «Wechseljahre»). Dazu kommen einfache Massnahmen wie ausreichend trinken und, wenn nötig, eine gezielte Vorbeugung. Wir klären die Ursache ab und finden gemeinsam einen Weg, der die Häufigkeit deutlich senkt.

Sie müssen damit nicht leben

Das Wichtigste zum Schluss: Blasenschwäche und Senkung gehören nicht einfach zum Älterwerden dazu, und Sie müssen sich nicht damit abfinden. Schon kleine Schritte bringen oft viel. Trauen Sie sich, das Thema anzusprechen – wir sind dafür da.

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Medizinischer Inhalt geprüft durch Dr. med. Michael Singer –